Donnerstag, 12. Juni 2014

Polarisierend auf die Euphoriebremse treten

Alle zwei Jahre herrscht in Deutschland Ausnahmezustand. Immer wenn ein Großereignis im Fußball ansteht, wird das komplette Land in schwarz-rot-goldene Farben getaucht. Überall wehen die Fahnen, die Geschäfte werben mit unzähligen (und zum Teil unnötigen) Merchandisingprodukten und in den Medien gibt es nur noch ein Thema. Jedes kleinste Detail wird versucht zu ergründen. Ex-Weltmeister spekulieren über mögliche Chancen. Kurzum: Selbst der Anti-Fan streift sich sein Deutschlandtrikot über. Und wie in den letzten Jahren auch, wird auch immer die deutsche Nationalmannschaft als möglicher Titelkandidat gehandelt. Doch in diesem Jahr wird das nichts – behaupte ich jetzt einfach mal.

Wie kann ich es wagen und solch eine närrische Aussage tätigen? Deutschland holt nicht den Titel? Eine Aussage, die schon fast mit Hochverrat gleichgesetzt wird. Doch für mich gibt es einige Gründe, die gegen einen möglichen Titel sprechen. Bitte jetzt nicht falsch verstehen: Ich halte selbstverständlich zur deutschen Nationalmannschaft und würde mich über einen Titel freuen. Trotzdem ist der WM-Pokal weiter weg, als je zuvor. Die Gründe hierfür möchte ich in diesem Artikel aufzeigen.

Grund 1: Die Erwartung
Wenn man die Fans und auch die Halb-Fans (also jene Fans, die sich nur alle zwei Jahre mit Fußball beschäftigen) fragt, dann ist WM-Pokal das, was erreicht werden soll. Doch von Seiten der Nationalmannschaft hält man sich eher defensiv. Es werden Aussagen getätigt, wie „in Südamerika konnte noch nie eine europäische Mannschaft Weltmeister werden“ oder „der Druck kommt von außen; wir machen uns keinen“. Für mich sind solch defensive Aussagen mit der Mannschaft völlig Fehl am Platz. Klar sind die Bedingungen nicht einfach. Aber wer deutsche Meister, Pokalsieger und Champions League-Sieger in seinen Reihen hat, zudem bei Endrunden ins Halbfinale gekommen ist, muss einfach anders auftreten. Auch wenn es schwer wird, muss der DFB sich hinstellen und Aussagen, wie „Wir wollen Weltmeister werden!“ sagen. Der Druck muss da sein. Das sind Profispieler, die nicht zum ersten Mal eine Endrunde spielen. Es kann nicht sein, dass man sich drückt. Der letzte Titel datiert aus dem Jahr 1996; der letzte WM-Titel gar aus dem Jahr 1990. Es wird endlich mal wieder Zeit. Und da müssen sich auch die Offiziellen ganz klar positionieren und nicht defensiv auftreten. Bisweilen hat dieses Auftreten für mich auch irgendwo die Einstellung, dass die Mannschaft zum netten Urlaub Machen nach Brasilien fährt. Das geht so nicht!

Grund 2: Die Zufriedenheit der Nation
Seit Jahren hat sich das Public Viewing in Deutschland etabliert. Das geht sogar so weit, dass Ausnahmeregelungen in Kraft gesetzt werden, damit auch bei der WM in Brasilien, wo die Spiele zu später Stunde angepfiffen werden, mit dem ganzen Dorf geschaut werden können. Allerdings macht sich da oft eine Stimmung breit, die mir als Dauerfußballfan doch sehr widerstrebt. Sicherlich mag es ein Erfolg sein, wenn man bei einer WM-Endrunde den dritten Rang belegt. Für Uruguay, Chile oder Griechenland sicherlich. Auch für eine deutsche Nationalmannschaft nach der verkorksten EM 2004 war der dritte Platz 2006 ein fantastisches Ergebnis. Was danach folgte, wer aber weniger fantastisch. Die „Fans“ sind zufrieden, wenn man gegen England 4:1 gewinnt und gegen Argentinien 4:0. Da darf man dann auch mal gegen Spanien, die schlagbar waren, 1:0 verlieren und somit den Finaleinzug verpassen. Das hat für mich nichts mit Erfolg zu tun. Der Anspruch der deutschen Nationalmannschaft muss stets der Titelgewinn sein. Insbesondere, wenn man sich die Qualität der Spieler anschaut. Wir haben mit den qualitätsstärksten Kader von allen Teilnehmern. Spieler, die Titel gewonnen haben, können nicht mit dem dritten Rang zufrieden sein. Und bei aller Euphorie, bei allem schönen Spielen. Am Ende muss etwas Zählbares herauskommen. Es ist kein Erfolg, wenn man behaupten kann, seit 10 Turnieren immer ins Halbfinale gekommen zu sein, wenn es am Ende nie der Titel wird. Mir ist es lieber, die Mannschaft spielt einen weniger schönen Fußball, gewinnt nur mit 1:0 (wie 2002) und macht am Ende Weltmeister, als dass sie mit 38:1 Tore ins Halbfinale einziehen und dann eins auf den Deckel bekommen.

Grund 3: Die Einstellung der Spieler
Ich hatte letztens das Achtelfinale der WM 1990, Deutschland gegen die Niederlande, gesehen. Ich war damals ein Jahr alt und konnte demnach das Spiel nicht realisieren. Doch wenn ich es heute schaue, wird mir eins klar: Diese Mannschaft musste Weltmeister werden. Wer dieses Spiel gesehen hat, der hat den Weltmeister gesehen. Weil die Mannschaft gekämpft hat. Trotz Platzverweis, trotz miserablem Schiedsrichter. Jeder Spieler hat geackert, sich für den Nächsten aufgeopfert und bis zur Erschöpfung gekämpft. Da war ein Guido Buchwald, der auf der „6“ spielte, plötzlich an der Strafraumgrenze und konnte für Jürgen Klinsmann flanken. Da hat ein Pierre Litbarski als Flügelläufer in der Abwehr mitgeholfen und den Ball nach vorne geschlagen. Da war der Wille da, die Leidenschaft.
Und genau das fehlt heute. Ich habe das Gefühl, dass die Mannschaft nach einem Rückstand nicht mehr weiß, was sie machen soll. Bestes Beispiel war das Spiel im Halbfinale der EM 2012 gegen Italien. Balotelli macht 2 Tore und Deutschland hat keinen Plan, trotz genügend Zeit. Und dass Italien keine überragende Mannschaft war, hat man an der 4:0 Niederlage gegen Spanien im Finale gesehen. Das letzte Mal, als die deutsche Nationalmannschaft gegen einen „Großen“ einen Rückstand souverän aufholen konnte, war für mich im Viertelfinale der WM 2006 gegen Argentinien.
Es wird nicht nachgesetzt; verlorene Bälle sind dann eben verloren. Vielleicht bekommt der Hintermann ja noch den Ball. Wenn die anderen Länder das wissen, machen die in den ersten 45 Minuten zwei Tore und haben dann das Spiel gewonnen – übertrieben formuliert.
Ebenso ist die alte Fußballweisheit „11 Freunde müsst ihr sein“ total überholt. Es geht nicht darum mit den anderen Freundschaft zu schließen. Die anderen sind Mitspieler oder besser gesagt „Arbeitskollegen“. Nicht mehr und nicht weniger. Es geht nicht darum, ein enges Band zu knüpfen, damit der eine für den anderen noch mehr einspringt. Es geht einfach darum das zu tun, wofür man bezahlt wird. Die eingeübten Prozesse abspulen, aber darüber hinaus nichts weiter vertiefen.
Und hierfür gebe ich auch dem Bundestrainer eine Mitschuld. Was der für taktische Anweisungen gibt, finde ich nicht immer gelungen. Beispiele? Keine Fernschüsse, keine Grätschen, keine hohen Bälle. Aber das in einem anderen Punkt.

Grund 4: Die Spieler im Kader
Zugegeben: Deutschland hat große Qualitäten in den eigenen Reihen – sehr große. Und trotzdem fehlen für mich Kernspieler. Spieler, wie Ballack, Kahn, Matthäus, Effenberg. Diese absoluten Leadertypen, die sich nichts gefallen lassen und auch mal dazwischen gehen. Die wissen, wie man ihre Mannschaft nach vorne treibt und motiviert. Die sich für den anderen Spieler einsetzen und notfalls auch eine Karte riskieren. Spieler, die im Interview auch mal ihre Meinung sagen, anstatt die vorher fleißig auswendig gelernten Floskeln. Aber diese Spieler sind nicht mehr erwünscht. Ein Jogi Löw hat einen Frings und einen Ballack systematisch entfernt. Gefragt sind die umgänglichen Spieler. Ist ja schön und gut, denn solche „Großsprecher“ können auch mal die Stimmung kaputt machen. Trotzdem sehe ich diese als Schlüssel zu einem Finalsieg. Du brauchst solche Menschen, die zwischen Genie und Wahnsinn leben. Die Dinge tun, mit denen niemand rechnet. Aber das ist nicht mehr erwünscht. Zumindest in Deutschland nicht.

Grund 5: Die taktische Ausrichtung
Ja, Herr Bundestrainer, hier gibt es Kritik. Ich habe oben schon erwähnt, dass keine Fernschüsse erlaubt sind und auch keine Grätschen. Für mich hier ein entscheidendes Handicap. Es steht außer Frage, dass nicht ständig aus der zweiten Reihe aufs Tor geschossen werden soll. Aber manchmal kann solch ein Fernschuss ein Spiel drehen. Der Torwart rechnet nicht damit, der Ball flattert, zack Tor. Hätte Klinsmann 2006 solche Schüsse verboten, hätte Schweinsteiger nie die Tore gegen Portugal gemacht. Das Problem daran ist, dass wir Spieler haben, die das können. Bei der EM 2012 durften die Jungs in einem Spiel solche Fernschüsse abliefern. Das war gegen Griechenland. Endergebnis war im Übrigen ein 4:0 für uns. Und da waren Fernschusstore dabei. Vielleicht mal das Ganze überdenken.
Ein weiteres Manko sind für mich die fehlenden Grätschen. Ich rufe hier nicht nach Blutgrätschen, bitte nicht falsch verstehen. Aber eine faire Grätsche muss auch mal sein. Darf hier aber nicht. Und damit sehe ich auch einen gewissen Respektsverlust gegenüber unseren Innenverteidiger. Spieler, wie Neymar, Ibrahimovic, Messi, Ronaldo, die wissen doch, dass die deutschen Spieler nicht grätschen dürfen. Die machen zwei Tricks, dann sind sie am Mann vorbei und stehen vorm Torwart. Ich stelle mir das mal bei Piquet und Ramos in Spanien vor. Die tricksen einmal, dann liegen sie auf dem Boden. Die tricksen nochmals, dann liegen sie wieder da. Bei uns darf nur abgelaufen werden. Hauptsache kein Foulspiel begangen.
Das System sollte vielleicht auch noch angesprochen werden. Häufig wurde über die Personalie Kießling diskutiert. Ich bin kein Fan von ihm, sehe aber Spieler wie ihn in der Nationalmannschaft. Man kann doch nicht einen Götze in den Sturm stellen. Dadurch nimmt man sich die Möglichkeit eines Kopfballtores. Ein kleiner Spieler ist 20-30 cm kleiner, als sein gegnerischer Innenverteidiger. Da muss der Verteidiger noch nicht einmal hochspringen, um den Ball wegzuköppeln. Du brauchst diesen Stürmer, der genau dann da ist, wenn man ihn braucht. Der keine Abwehrarbeit macht, den du 89 Minuten lang nicht sieht, aber in der 90. Minute zuschlägt und trifft. Der fehlt hier dann wohl auch. Ebenso sehe ich kaum Flexibilität im System. Wenn gewechselt wird (und nicht auf Grund einer Verletzung), dann sind das meist positionsgetreue Wechsel. Man praktiziert das System, welches Spanien spielt, weil die ja erfolgreich sind.
Allerdings stelle ich mir die Frage: Spanien spielt ohne Spielmacher. Weil sie momentan keinen überragenden haben. Was wäre, wenn Isco (Real Madrid) vor zwei Jahren ein weltklasse Niveau gehabt hätte und gespielt hätte? Dann würde Löw vermutlich den 10er bringen. Was wäre, wenn sich die spanischen Stürmer 2012 nicht verletzt hätten oder in Form gewesen wären? Dann wäre der Stoßstürmer wohl dabei. Vielleicht sollte man das System spielen, für das man die Leute hat. Ein Hummels ist kein Piquet, ein Schweinsteiger ist kein Xavi und ein Toni Kroos ist kein Iniesta.
Und wo sind eigentlich die Stürmer in der Mannschaft? Ja, wir haben Miroslav Klose. Okay, Müller kann vorne rein, ebenso Poldi und Schürrle. Aber Götze doch nicht. Mir fehlt dieser klassische Mittelstürmer. Einer, wie Stefan Kießling oder Mario Gomez. Ein Stürmer, der auch mal so irgendwie den Ball ins Tor stochert, weil er genau da steht, wo er stehen muss. Ebenso einer, der auch mal einen Kopfball verwerten kann (spielt in Deutschland keine Rolle, weil es keine hohen Bälle geben darf). Ja, Barcelona praktiziert ein System ohne diesen Stürmer, aber wie erwähnt, wir sind nicht Barcelona.

Grund 6: Übertriebener Luxus
In Anbetracht der Tatsache, was ein Nationalspieler mittlerweile an Luxus bekommt, ist es nicht verwunderlich, wenn man darüber nur den Kopf schüttelt. Fast schon eine Sensation, dass sich die Spieler in diesem Jahr ihr Handtuch selbst holen müssen. Die Unterkunft muss mindestens 5 Sterne haben und hermetisch abgeriegelt sein, damit nicht mal ein Staubkorn Zutritt bekommt. Das gipfelt dann schließlich darin, dass der Bäcker der Nationalmannschaft seine eigene Brotbackmaschine mit nach Brasilien nimmt. Klopapier, Mehl, Fernseher, alles wird mit dem Schiff rüber gekarrt, damit es den Jungs ja gut geht. Die sollten mal wieder mehr nach Malente gehen und dort den sagenumwobenen Geist beschwören, der nicht einmal gewirkt hat. Stattdessen wird eine Hotelanlage gebaut, die den Wünschen des DFB entspricht. Ja, ich weiß, dass die Anlage so und so gebaut worden wäre. Aber seid nicht so naiv und glaubt, dass der DFB da nicht mitgesprochen hat, was wie gebaut wird.

Grund 7: Superstars
Wir haben viele gute Spieler. Aber meiner Meinung nach fehlt der Mannschaft einer der Superstars. Ein Messi, Neymer, Ronaldo oder Ibrahimovic sucht man meiner Meinung nach vergebens. Es gibt viele sehr gute Spieler, aber kaum jemand hat das Potential das Spiel auch mal alleine zu drehen. Auf diesen Punkt lege ich keinen all zu großen Wert. Schließlich hatten wir 1990 auch eine Vielzahl von Spielern hatten, die keine Superstars waren. Allerdings muss man sagen, dass ein genialer Matthäus in den eigenen Reihen stand.

Grund 8: Typen
Einer der Hauptgründe, warum wir nichts reißen werden. Uns fehlen die Typen. Effenberg, Matthäus, Basler, waren alles Spieler, die angeeckt sind, aber die nicht glatt poliert waren. Die haben auch mal nach dem Spiel geschimpft und gewütet. Aber heute will das niemand mehr sehen. Alles muss professionalisiert werden. Meiner Meinung nach ist das ein gewaltiger Rückschritt. Ich erinnere mich an das Wintermärchen von 2007, als die Handballer im eigenen Land Weltmeister wurden. Es gab ein Spiel, da hat die Mannschaft gepennt. Oliver Roggisch hat das gesehen und ging überhart in einen Zweikampf, der mit dem Platzverweis bestraft wurde. Danach spielte die Mannschaft aber wieder auf.
Es gibt in der Mannschaft keine Hierarchie. Keine Typen, die vorweg gehen. Wir haben zahlreiche Spieler, die nie ein falsches Wort sagen. Ja, die jeder Schwiegermutter gefallen würden. Aber wir sind hier nicht auf dem Kaffeekränzchen, sondern auf dem Fußballplatz. Und da brauchst du auch mal einen Spieler, der den Ton angibt. Der auch mal jemanden anschnauzt oder im Interview seine eigene Meinung kundtut und nicht immer der vorgegebene Müll, der immer wieder repetitiv abgespielt wird. Ein Spieler, der einfach will. Und damit auch die anderen mitreißen kann.
Ich bin Real-Fan, daher kann ich nur aus dieser Sicht schreiben. Aber einer, der dieses Profil erfüllt, ist Sergio Ramos. Warum macht der Kerl im Finale der Champions League zwei Minuten vor Ende das Tor? Weil er will! Der geht auch mal in einen Zweikampf und grätscht dazwischen. Da haut auch mal einen Ball nach vorne, damit das Ding weg ist. Der macht und tut und ackert. Und gibt erst auf, wenn der Schiedsrichter abpfeift. Bei den deutschen Spielern habe ich das Gefühl, dass die schon bei einem Rückstand von zwei Toren resignieren und nicht mehr wollen. Da fehlt dann auch die Körpersprache, die dem Gegner klar macht, dass das Ding nicht gelaufen ist.
Ich halte die Entwicklung für sehr gefährlich. Nicht nur aktuell, sondern auch für die nächsten Generationen. Typen werden systematisch bekämpft und ausradiert. Die haben im Fußball keine Daseinsberechtigung mehr. Solche Führungsspieler werden wir auf Dauer nicht mehr bekommen. Ich plädiere hier nicht für irgendwelche Großsprecher. Sondern für diese Leader. Ich bin gespannt, in welche Richtung sich das entwickeln wird, aber momentan bin ich doch sehr pessimistisch.

Grund 9: Identifikationsfaktor
Ja, das Land ist wieder in schwarz-rot-gold getaucht. Die Häuser und Autos sind dekoriert, es kann also los gehen. Das Land steht wieder zusammen und zwar hinter der Mannschaft. Wie schon erwähnt wird man mit Merchandisingprodukten wieder zugemüllt. Man könnte meinen, alle für einen, einer für alle.
Ich persönlich sehe das nicht so. Junge, was habe ich 2006 mitgefiebert. Immer, wenn ein Spiel war, war ich von oben bis unten in den Deutschlandfarben kostümiert. Ich kenne sogar noch den Kader mit entsprechenden Rückennummern. Klinsmann hat dafür gesorgt, dass wir wieder wer sind und dass wir das zeigen dürfen.
Acht Jahre später ist für mich nicht mehr viel da. Die Identifikation mit der Mannschaft ist wesentlich geringer. Nicht, dass sie mir egal wäre. Aber ich würde mir nicht mehr die Hände vors Gesicht halten, weil ein Elfmeter gegeben wurde. Ich würde den einfach so hinnehmen.
Mir gefällt die Entwicklung unter Löw absolut nicht. Bundestrainer zu sein ist sicherlich schwer, obwohl es in Deutschland 80 Millionen davon gibt. Ich möchte den Job nicht machen. Aber ich finde die Arbeit von Löw mittlerweile nicht mehr gut. Nach der EM sank die Bereitschaft zur Identifikation kontinuierlich. Früher wäre es undenkbar gewesen bei einem unbedeutenden Freundschaftsspiel wegzugehen und das Spiel zu verpassen. Heute schaue ich kaum noch die Qualifikationsspiele. Und das liegt nicht nur an den blöden Terminen.
Ich kann mit der Mannschaft nicht mehr viel anfangen. Es tut mir auch weh das so schreiben zu müssen. Aber wenn ich mir andere Teams anschaue, haben die es wesentlich einfacher meine Sympathien zu bekommen. Spanien oder Portugal zum Beispiel. Die Entwicklung des deutschen Fußballs hat dafür gesorgt, dass mein Verein mittlerweile über die Nationalmannschaft dominiert. Wie gesagt, ich finde es nicht gut. Aber ich stehe hier und kann nicht anders.

Ihr denkt jetzt, falls ihr das überhaupt gelesen habt, „Wat will der Kerl?“. Die Euphorie ein wenig bremsen und meine Sicht auf diese Dinge mitteilen. Nein, was ich hier schreibe ist nicht allgemeingültig und ich weiß, dass ich damit polarisiere und auch die Parteienbildung fördere. Und das auch bewusst. Ich weiß, dass ich an vielen Stellen übertrieben habe. Aber ich denke nicht, dass Deutschland in diesem Jahr ein Mitspracherecht auf den Titel hat. Ich sehe Brasilien (wenn sie dem Druck stand halten) und Spanien (wenn sie mit dem Klima klarkommen) deutlich vorn. Dahinter gibt es ein paar Länder, die „Chancen“ haben (Argentinien, Deutschland, Belgien, vielleicht auch die eine oder andere Überraschung). Aber für den großen Wurf wird es erneut nicht reichen.
Was nicht heißt, dass ich alles erdenklich tue, um dies zu verhindern. Natürlich würde es mich sehr freuen, wenn die mich Lügen strafen würden und den Pott nach Deutschland holen. Es wird nämlich einfach mal wieder Zeit. Es gibt in diesem Kader ein paar Spieler, für die ich mich wirklich richtig freuen würde. Vor allem, weil man ja nicht weiß, wie es in vier Jahren aussieht.
Doch ich denke, dass es eben 2014 nicht reichen wird. Wir dürfen uns wieder mit der Rolle des Gratulanten anfreunden. Und dann muss der DFB schauen, wie er bis zur EM 2016 weiter machen möchte. Mit Löw oder ohne. Und wo die eigenen Ansprüche stehen. Schöner oder erfolgreicher Fußball?

Dienstag, 25. März 2014

Die Königin des Eiskanals

Felix Loch, Georg Hackl, Natalie Geisenberger, André Lange - alle vier sind bei zahlreichen Sportfans bekannt, weil sie wie kaum ein anderer die Kurven im Eiskanal beherrscht haben oder noch beherrschen. Doch neben den oben genannten Rodler und Bobpiloten gibt es noch eine weitere Kandidatin, die dies ebenfalls wie aus dem FF beherrschte. Und doch fehlt es ihr ein wenig an Bekanntheit.

Die Rede ist von Sandra Kiriasis, die ebenfalls zum Ende der Saison 2013/14 ihr Karriereende bekannt gegeben hatte. Damit verabschiedet sich eine der besten Bobpilotinnen vermutlich aller Zeiten endgültig aus dem Eiskanal. Was bleibt, ist eine beachtliche Titelsammlung.

  • 40 Weltcupsiege, dazu 19 Mal Zweiter und 14 Mal Dritter
  • 9 Mal Gewinnerin des Gesamtweltcups
  • 1 Mal Gold und 1 Mal Silber bei Olympischen Spielen
  • 7 Mal Gold bei Weltmeisterschaften, dazu 5 Mal Silber und einmal Bronze
  • 7 Mal Gold bei Europameisterschaften, dazu 3 Mal Silber und einmal Bronze
  • 7 Mal deutscher Meister
Insgesamt war sie über 12 Jahre hinweg in der Weltspitze vertreten und bescherte dem Deutschen Bob und Skeletonverband immer wieder Erfolge und Medaillen. Auch in schweren Situationen, wie zum Beispiel in der vergangenen Saison, baute man auf die erfahrene Pilotin, die nichts unversucht ließ, um doch noch bei den Olympischen Spielen wettbewerbsfähig zu sein. Dass dies dann doch nicht der Fall war, lag weniger an ihrem Können, als vielmehr am unzureichenden Material. Auch ein Wechsel auf den Bob der Vorsaison half nichts. Am Ende konnte selbst Kiriasis mit ihrer Erfahrung die Kohlen nicht aus dem Feuer holen und die deutsche Blamage verhindern. Trotzdem soll dieser Misserfolg bei den Spielen von Sotchi einer der wenigen Tiefpunkte sein, die in ihrer Karriere zu finden sind.

In der Ewigen Bestenliste in der Kategorie "Meiste Gesamtweltcupsiege" führt sie deutlich gegenüber ihren Konkurrentinnen. Und auch bei den Weltcupsiegen und anderen Titeln gibt es keine Pilotin, die ihr das Wasser hätte reichen können. Das alles in einer Sportart, die weniger im Fokus steht, als andere Wintersportarten.

Mit Kiriasis wird das deutsche Bobgesicht der Frauen verschwinden. Es liegt nun an der nachfolgenden Generation, mit Hilfe der technischen Institute, in diese doch recht großen Fußstapfen zu treten. Vielleicht wird sie dem Sport erhalten bleiben. Nähere Ziele sind noch nicht bekannt. Vermutlich wird sie, wie schon so oft, für Stefan Raab in den Wok steigen und dort versuchen ihre Erfahrung in der Asiapfanne einzusetzen. Trotzdem, so denke ich, sollte man auch solch eine Athletin in den Blick nehmen, wenn jemand mit dieser umfangreichen Titelsammlung abtritt. Sie war und ist eine große in ihrer Sportart.

Montag, 24. März 2014

Frauenskispringen droht Budgetkürzungen

Vor wenigen Wochen noch feierte Carina Vogt völlig überraschend, aber sensationell den Sieg bei den Olympischen Spielen. Die junge Schwarzwälderin wird als erste Olympiasiegerin im Skispringen in die Geschichte eingehen. Doch kurz nach dem die Saison beendete ist, droht dem Frauenskispringen Budgetkürzungen.

Eines ist ganz klar: Um Leistungssport ausüben zu können, braucht es Geld. Trainer müssen bezahlt werden, Anlagen, das Team hinter dem Team, Reisekosten. Innerhalb einer Saison sammelt sich da das eine oder andere Sümmchen an. Daher muss der deutsche Skiverband (DSV) auch entsprechend haushalten. Allerdings droht nun den Skispringerinnen Kürzungen im Budget. Es wird von 10 Prozent gesprochen.

Bundestrainer Andreas Bauer äußerte sich wie folgt im ZDF: "Wir sind wirklich am Limit. Wir haben ein tolles Projekt aufgebaut und mit dem Olympiasieg von Carina Vogt gekrönt. Es wäre schade, wenn das nicht weiterginge."

Das Projekt kann nur gelobt werden. Nicht nur, dass Carina Vogt Olympiasiegerin wurde. Sie holte auch den zweiten Platz im Gesamtweltcup. Darüber hinaus präsentierte sich aber auch das deutsche Team als Mannschaft stark. Wie ihre männlichen Kollegen, holten auch die Damen in der Nationenwertung den zweiten Rang. Plötzlich ist das Skispringen der Frauen in aller Munde. Auch wenn, wie in einem anderen Artikel schon angesprochen, die Übertragungszeiten noch zu wünschen übrig lassen.
Trotzdem zeigt sich eine positive Tendenz und Entwicklung. Die Frage ist allerdings ob und wie der Sport mit gekürztem Budget ausgeführt werden kann.
Auf der einen Seite kann ich den DSV verstehen. Man besitzt eben keinen Goldesel, der ständig für Geldnachschub sorgt. Es muss entsprechend gehaushaltet und verteilt werden. Da gilt es auch abzuwägen, wo sich ein Einsatz möglicherweiße nicht mehr lohnt und wo man neu investieren könnte.

Ich persönlich finde es aber gerade in dieser Situation schwierig, dieser Sportart das Budget zu kürzen. Gerade jetzt, mit dem Boom der Olympischen Spiele im Rücken, könnte diese Sportart einen Aufschwung erleben. Vor allem leistet das Team um Andreas Bauer wirklich gute Arbeit, was auch die Nationenwertung zeigt. Man hat nicht nur ein Sportler oder eine Sportlerin, auf die das Projekt ausgerichtet ist. Auch dahinter drängen sich Athletinnen auf. Daher denke ich, dass es genau die falsche Geste in Richtung des Sportes ist. Man sollte hier fördern, anstatt zu streichen. Denn mit der Kürzung schwingt die indirekte Botschaft mit, dass man auf diesen Teilbereich eben weniger Wert legt, als auf andere, auch wenn das gar nicht die Intention ist. Daher würde ich mir wünschen, dass der DSV diese Kürzung noch nicht beschlossen hat, sondern nochmals überdenkt. Zum Wohl der Sportart und der Athletinnen.

Der Milkahelm verschwindet von der Weltcupbühne

Auch wenn er seinen Abschied bereits im Januar angekündigt hatte, möchte ich trotzdem einen Blick auf Martin Schmitt werfen. Das liegt nicht nur daran, dass er wohl maßgeblichen Anteil daran hatte, dass das Skispringen in Deutschland so populär wurde. Wenn von "Helden der Kindheit" gesprochen wird, zählt für mich Schmitt hierzu.

Es ging ein Boom durch die Bundesrepublick Deutschland. Plötzlich war Skispringen eine Sportart, mit der sich Geld verdienen ließ. RTL kaufte die Übertragungsrechte für die Vierschanzentournee und Weltmeisterschaften. Es erschienen jährlich Computerspiele; ebenfalls von RTL vertrieben und mit bekannten Gesichtern der Sportart. Und auf einmal fanden sich in den ersten Reihen Teenager, die ihre "Stars"sehen wollten. Den großen Anteil hatten damals Sven Hannawald und Martin Schmitt. Insbesondere letzterer war auf Grund seiner Erfolge und seines jungen Alters fast schon predästiniert für die Rolle des Teenie-Idols.

Bereits 1997 nahm Schmitt an der Nordischen Skiweltmeisterschaft teil und holte gleich mit der Mannschaft die Bronze-Medaille. Es sollte nicht die letzte in seiner Sammlung werden. Insgesamt 4 Mal Gold, 3 Mal Silber und 3 Mal Bronze holte er bei Weltmeisterschaften. Die letzte Medaille datiert aus dem Jahr 2009, als er völlig überraschend Silber geholt hat.

Schmitt selbst begann zur Saison 1998/1999 richtig aufzublühen. Was folgte, war nicht nur eine teils unvollendete Karriere, sondern auch eine mit zahlreichen Höhen und Tiefen. Die Höhen kamen schnell. 1998/1999 und 1999/2000 sicherte sich Schmitt den Gesamtweltcup. Hinzu kommt zwei Mal der Weltcup im Skifliegen (1998/1999, 2000/2001). Mit insgesamt 25 Weltcupsiegen belegt er aktuell den sechsten Platz in der Liste der Springer mit den meisten Weltcupsiegen aller Zeiten.

Unvergessen dürfte auch die WM 1999 in Ramsau sein. Besonders das Mannschaftsspringen bleibt dem einen oder anderen Sportfan im Gedächtnis. Nicht nur, dass Sven Hannwald und Christoph Dufner stürzten, was meist bedeutet, dass die Medaillenchancen weg sind. Der Schanzenrekord von Dieter Thoma wurde nicht von den TV-Kameras festgehalten: dafür der von Hannawald, der wenige Minuten später folgte. Mit einem starken Martin Schmitt konnte sich das Team trotzdem die Goldmedaille sichern.
Ebenso bewies Schmitt bei den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City beim Mannschaftsspringen Nervenstärke. Als Schlussbringer lag es an ihm die Medaille nach Hause zu bringen. Und das, obwohl er nicht mehr die Topleistungen brachte, wie die Jahre zuvor. Doch er sprang genau auf die Weite, die reichte, um 0,1 Punkt vor Finnland zu liegen und um Olympiasieger zu werden.
Acht Jahre später, bei den Spielen in Vancouver, holte er erneut nach 1998 mit der Mannschaft Silber. Vielleicht ein wenig überraschend, aber dennoch verdient.

Allerdings bleiben bei Schmitt auch immer die Tiefen in Erinnerung. Zahlreiche Jahre war er weiter von der Weltcupspitze entfernt, als ihm vermutlich lieb war. Stattdessen kämpfte er um das Erreichen des Finaldurchgangs oder wurde gar in den Kontinentalcup "strafversetzt". Viele fragten sich, ob er nicht den richtigen Moment verpasst hat, um seine Karriere zu beenden. Allerdings hatte er weiterhin Spaß an der Sache. Und noch Ziele. Im Blick stand immer Sotchi 2014. Als er sah, dass er dafür keine Rolle spielt, zog er die Reißleine und beendete seine eindrucksvolle Karriere.
Doch auch wenn mit Schmitt oftmals die schlechten Jahre in Verbindung gebracht werden, wird oft die Saison 2008/2009 außer Acht gelassen. Es schien fast, als könne er wieder in die Weltspitze vordringen. Ein vierter Platz bei der Vierschanzentournee, die Silbermedaille bei der Weltmeisterschaft, einige Podestplätze und am Ende Rang 6 im Gesamtweltcup ließen alte Hoffnungen zu. Leider wurden diese nicht erfüllt.

Am Ende kann man nur auf eine beeindruckende Karriere zurückschauen. Auch wenn der Sieg der Vierschanzentournee und die Einzel(gold)medaille bei Olympia fehlen, hat er dennoch fast alles erreicht, was im Skisprung möglich ist:
  • 2x Gesamtweltcupsieger
  • 2x Skiflugweltcupsieger
  • 4x Gold, 3x Silber, 3x Bronze bei Weltmeisterschaften
  • 1x Gold, 2x Silber bei Olympischen Spielen
  • 25 Weltcupsiege
Auch wenn der letzte Sieg aus dem Jahre 2001 datiert, war er trotzdem eine der Persönlichkeiten im deutschen Skispringen. Jemand, der diesen Sport in eine neue Dimension hob. Plötzlich war die Sportart in aller Munde. Er selbst profitierte mit einem gut dotierten Vertrag bei einem Schokoladenhersteller. Er war der Grund, warum zahlreiche Menschen mit dem Skispringen angefangen haben. Daher wird er für mich immer mit positiven Erinnerungen verbunden sein.

Sein Karriereende wurde im Übrigen schon ein wenig bedauert. Janne Ahonen, der selbst zwei Mal den Rücktritt vom Rücktritt bekannt gab, riet ihm ein Jahr Pause zu machen, um dann wieder zurückzukommen. Altmeister Noriaki Kasai ist der Meinung, dass er noch weit von der 40 entfernt sei und noch ein wenig weiterspringen kann. Beide Aussagen sind mit einem Augenzwinkern zu betrachten ;)

Ich persönlich hoffe, dass Schmitt dem Skispringen in irgendeiner Art und Weise dem Sport erhalten bleibt. Entweder als Trainer, oder als Experte. Das ZDF könnte doch hierfür den nötigen Platz freiräumen.

Eine kleine Person, ganz groß

Andrea Henkel gehörte zwar nie zu den Sportlern, die im Licht der Öffentlichkeit standen. Trotzdem war die kleine Frau aus Oberhof über Jahre hinweg eine der besten ihrer Zunft, was nicht nur ihre außerordentliche Titelsammlung zeigt. Nun beendet sie nach 19 Jahren Profisport ihre Karriere. Grund genug, um diese nochmals Revue passieren zu lassen.
  
Ihren ersten Weltcupeinsatz hatte sie im Jahre 1995. Doch erst zur Saison 1998/1999 konnte sich die vierfache Junioren-Weltmeisterin einen Platz im Weltcup-Team sichern. Allerdings war diese Saison von Höhen und Tiefen gekennzeichnet. Neben mehreren Top-Ten-Plätzen, stehen Wochenende zu Buche, an denen sie keinen einzigen Punkt holen konnte. Am Ende belegte sie trotzdem Rang 14 im Gesamtweltcup.

Der endgültige Durchbruch in die Weltspitze sollte schließlich eine Saison später erfolgen. Nach einem mäßigen Start in den Weltcup-Winter, platzte schließlich im Dezember der Knoten. In Pokljuka feierte sie ihren ersten Weltcup-Sieg. Ein weiterer sollte in Antholz im Januar folgen. Am Ende belegte sie Rang 5 im Gesamtweltcup und holte 15 Platzierungen unter den besten 10. Diesen Platz konnte sie im nächsten Jahr erneut im Gesamtweltcup sichern.

Der große Stern ging dann endgültig bei den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City auf. Mit Gold im Einzel und in der Staffel holte sie gleich zwei Goldmedaillen. Doch so schnell ein Stern aufgeht, so schnell kann er auch wieder verblassen. Nach dem Hoch, folgte ein Tief über mehrere Jahre. Zwischen dem Sieg in Salt Lake City und dem nächsten Erfolg lagen über 3 Jahre. Kein Podestplatz zwischen 2002 und 2004; insgesamt nur 8 Top-Ten-Platzierungen waren zu wenig.

Allerdings kein Grund aufzugeben. Stattdessen kämpfte sich Henkel sukzessive zurück. Die Erfolge kamen zurück. Es folgten ein vierzehnter und ein siebter Rang im Gesamtweltcup mit 4 Podestplatzierungen und 17 Mal in den Top-Ten.
In der Saison 2006/2007 sollte der Stern heller strahlen als bisher. Mit 6 Siegen, 3 zweiten und 2 dritten Plätzen, sowie 20 Top-Ten-Platzierungen sicherte sich Henkel den Gesamtweltcup-Sieg in einem letzten dramatischen Rennen in Chanty-Mansijsk. Henkel war zurück in der Weltspitze. Bis zu ihrem Karriereende sollte sie im Gesamtweltcup immer unter den besten zehn bleiben.
Athletinnen kamen, Athletinnen gingen. Doch Henkel war immer dabei. Selbst in einer Phase, in der der deutsche Frauen-Biathlon fast am Boden war, hielt Henkel die Flagge nach oben. Zeigte weiterhin konstante Leistung.

Sie war nicht der Typ, den die Firmen als Markengesicht buchen wollten. Trotzdem war sie eine der erfolgreichsten Biathletinnen.
Insgesamt 22 Einzelsiege, dazu 24 mit der Staffel. 37 zweite und dritte Plätze; 186 mal in den Top Ten. Ihre Trefferquote beim Schießen beträgt in der Summe (über 16 Saisons) 85,3%. Dazu war sie in jeder Disziplin bei Weltmeisterschaften auch Weltmeisterin. Insgesamt holte sie 16 Medaillen bei Weltmeisterschaften und 4 bei Olympischen Spielen.

Mit Andrea Henkel geht eine der erfolgreichsten Biathletinnen von Bord. Damit wäre die Ära der Vancouver-Staffel von 2010 endgültig beendet.
Beendet wurde sie aber in einem entsprechenden Rahmen. Nicht nur, dass ihr letztes Rennen am legendären Holmenkollen stattfand. Auch ein überdimensioniertes Plakat ihrer alten Weggefährtinnen Kati Wilhelm, Uschi Disl, Martina Beck (ehemals Glagow) und Simone Hauswald (ehemals Denkinger) wurde an der Zielankunft aufgehangen. Mit Platz 12 erreichte sie erneut einen Platz unter den besten 15. Am Ende wurde sie mit Sekt und einer Krone in den Ruhestand verabschiedet.

Natürlich könnte man mehr schreiben über sie. Natürlich könnte man ausführlicher berichten. Allerdings würde dies vermutlich den Rahmen sprengen. Darum soll es hier auch gar nicht gehen. Vielmehr soll dieser Artikel eine der erfolgreichsten, deutschen Biathletinnen würdigen, die über Jahre hinweg Leistung gezeigt hat. Und das, obwohl es immer wieder andere mediale Gesichter gab, die mehr Aufmerksamkeit erhielten, als sie. Auch nach Tiefen gab sie nicht auf und kämpfte weiter. Bis zum Schluss war sie in der Weltspitze vertreten. Ob sie ein Loch hinterlässt, ist schwer zu sagen. Man muss in der nächsten Saison schauen, wo der Frauen-Biathlon steht. Was sie hinterlässt, sind aber große Fußspuren.

Sie wird nun Deutschland den Rücken zuwenden, um nach Lake Placid in den Vereinigten Staaten auszuwandern, um dort gemeinsame Zeit mit ihrem Lebensgefährten Tim Burke (ebenfalls Biathlet) zu verbringen. Fischen steht ganz oben auf der Liste der Dinge, denen sie nachgehen möchte. Vielleicht wird man sie aber auch ab und zu wieder im Biathlon-Zirkus sehen. Dann allerdings hinter den Kulissen.

Montag, 10. März 2014

Ein Freund, ein guter Freund

Die Olympischen Spiele sind nicht nur ein Ereignis für Zuschauer und Sportler. Vielmehr sorgen Erfolge dafür, dass die Karriere in neue Dimensionen gehoben wird. Medaillen als Balsam für die geschundene Sportlerseele.

Der vierte Platz ist der undankbarste im Sport. Vor allem, wenn man diesen bei Großereignissen regelmäßig bucht, steigt doch das Level der Frustration an. Genau so dürfte auch Severin Freund gedacht haben. 2012 bei der Skiflug-Weltmeisterschaft im Einzel auf Rang 4; ebenso bei der Weltmeisterschaft 2013 in Val di Fiemme von der Kleinschanze. Zu allem Übel folgten in den Jahren 2013 und 2014 das Aus bei der Vierschanzentournee, nachdem er jeweils bei einem Springen nicht den zweiten Durchgang erreichte. Als dann die Olympischen Spielen in Sotchi auf dem Programm standen, sollte alles besser werden. Die erste Einzelmedaille wollte er holten. Nach einem Sturz im ersten Durchgang von der Kleinschanze, waren diese Hoffnungen begraben. Und auch das Springen von der Großschanze sollte nicht besser werden: Erneut Rang 4. Keine Medaille. Die Zweifel an Freund wurden groß. Kann er diesem Druck nicht standhalten? Wird er es je schaffen, wenn es darauf ankommt, die Nerven zu behalten?

Er wusste die Kritiker eines besseren zu belehren. Beim Teamspringen landete er souverän und sicherte somit die Goldmedaille für das deutsche Team. Die dritte nach 1994 in Lillehammer und 2002 in Salt Lake City. Doch welche Auswirkungen diese Medaille haben würde, hätte niemand gedacht. Sie fungierte als unglaubliche Motivationshilfe. Plötzlich wusste Freund, dass er es kann.

Die Freundschen Spiele begannen nach Olympia. Und zwar mit 6 Podestplätzen in 7 Springen, wovon drei davon Siege waren. Beachtlich dabei ist nicht nur, dass er den Doppelolympiasieger und Weltcupführenden Kamil Stoch hinter sich lassen konnte. Es war die Art und Weise, wie er es tat. Nämlich mit zahlreichen Punkten Vorsprung. Es war kein Zittern, um jeden Punkt, sondern eine tadellose Leistung. Nicht zuletzt zeigte er dies an diesem Wochenende auf dem legendären Holmenkollen. Nur drei Sprünge gingen über 130 Meter. Einen setzte Kamil Stoch, die anderen beide Severin Freund. Dabei war er aber nicht nur weitenmäßig der Konkurrenz überlegen, sondern auch ästhetisch. Kaum Abzüge in der Haltungsnote, ließen den Vorsprung noch weiter anwachsen. Freund ruft Automatismen ab. Er muss nicht viel tun, die Sprünge gehen fast von alleine. Nicht nur Werner Schuster zeigt sich euphorisch und begeistert. Auch die Zuschauer zu Hause haben wieder einen Grund, um beim Skispringen mitzufiebern.

Und nach und nach arbeitet er sich auch im Gesamtweltcup nach vorne. Kamil Stoch scheint den Gesamtsieg sicher zu haben. Doch nachdem Freund Altmeister Noriaki Kasai bereits abgehängt hat, fehlen nur noch 29 Punkte auf Peter Prevc, der momentan zweiter ist. Sicherlich sein nächstes Ziel, bei den beiden noch ausstehenden Wettkämpfen.
Doch nicht nur das. Am kommenden Wochenende steht die Skiflug-Weltmeisterschaft im tschechischen Harrachov an. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass Freund ein Titelkandidat, wenn nicht sogar der Titelkandidat schlechthin ist.
Auf Grund der Motivation durch die bisherigen Erfolge und mit der Goldmedaille im Gepäck, sowie der Tatsache, dass die Sprünge fast wie von selbst ablaufen, hat er auch alle Möglichkeiten, erneut seine Kritiker eines besseren zu belehren und die ersehnte Einzelmedaille zu gewinnen. Ganz gleich, welche Farbe diese hat. Sollte ihm dies gelingen, wird er im nächsten Jahr ein Aspirant auf den Gesamtweltcup sein. Und könnte nach Martin Schmitt 1999/2000 als nächster Deutscher diesen Titel holen. Zuzutrauen wäre es. Wenn er diese Motivation über den Sommer mitnehmen kann und die Sprünge einfach geschehen.

Und noch was zum Thema Deutsche und Skispringen. Die letzte Skiflug-Weltmeisterschaft in Harrachov fand im Jahre 2002 statt. Damals hieß der Sieger Sven Hannawald. Vielleicht ein gutes Zeichen, für das kommende Wochenende.

Die Quote entscheidet - Einwurf zu den Paralympischen Spielen

Millionen von Fans haben vor den Bildschirmen noch vor 14 Tagen die Olympischen Spiele in Sotchi verfolgt. Es wurden zahlreiche Wettkämpfe übertragen, bei denen die Zuschauer mitfieberten, die Daumen drückten, Erfolg und Trauer gleichermaßen erlebten. Ein Sportfest für Zuschauer und Sportler. Doch nicht jeder Wintersportler hat diese mediale Aufmerksamkeit.

Am Freitag wurden sie eröffnet, die Paralympischen Spiele. Wettkämpfe für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen. Wer sich solche Spiele mal angeschaut hat, ist schnell fasziniert von der Leistung, die dort erbracht wird. Ganz gleich, ob ein Körperteil amputiert worden ist, oder der Sportler von Beginn an blind ist. Vor der Leistung kann man nur und muss man auch den Hut ziehen.

Trotzdem bekommen diese Sportlerinnen und Sportler nicht annähernd das Interesse der Medien, wie es vor 14 Tagen der Fall war. Während bei den Olympischen Spiele die Sender von 7 Uhr bis 21 Uhr gesendet haben, findet man die Paralympischen Spiele nur sporadisch im TV. Es gibt nur kurze Zusammenfassungen in Sportsendungen. Wettkämpfe werden nur selten live übertragen. Und wenn, dann nicht in dem Umfang, wie bei den Olympischen Spielen.
Dabei würde man mit Sicherheit den einen oder anderen Zuschauer dazu gewinnen. Insbesondere, wenn die Wettkämpfe mit gut aufbereiteten Hintergrundberichten ausgestattet werden. Stattdessen findet sich dieses Angebot lediglich online.
Dass Deutschland gleich zum Auftakt zwei Mal Gold holte, haben nur die wenigsten Zuschauer mitbekommen.

Ich finde es traurig, dass solch ein Ereignis nicht die Wertschätzung bekommt, wie die Spiele der Nichtbehinderten. In einer Welt, in der jeder von Gleichberechtigung spricht, geht es bei den TV-Anstalten weiterhin nur um Quoten.

Doch selbst auf anderen Sportseiten im Internet, ist diese Thematik nicht schlagzeilenwürdig. Stattdessen dominieren die üblichen Verdächtigen, wie Fußball, Formel 1 und ein paar Randsportarten. Wurden den Olympiasiegern der nichtbehinderten Sportler nicht immer Aufmerksamkeit gegeben, verschwinden die Sieger der Paralympischen Spiele fast komplett. Vor allem die Tatsache, dass Deutschland konkurrenzfähig ist, sollte doch ein Grund sein, dieses Ereignis im TV zu übertragen. Profitieren würden dabei mehrere Parteien: Die Zuschauer, die Sportler und die Sportarten. Dies würde vermutlich auch Menschen inspirieren, um mit diesem Sport anzufangen, um ebenfalls Erfolge erzielen zu können. Auch ein wichtiger Punkt in Sache Nachwuchsförderung.
Aber wie so oft gilt auch in diesem Fall, dass die Quote entscheidet, was gesendet wird. Ich hoffe, dass die Athleten trotzdem tolle Spiele erleben, ihr bestes geben und am Ende zufrieden sein können.